Freie Bildung
Es war einmal der freie Hochschulzugang…
…doch mittlerweile sind wir an einem Punkt angelangt, an dem sowohl berufliche Zukunft als auch persönliche Lebensplanung von Mulitple Choice Tests abhängig sind.
Da wir uns leider nicht in der Grimmschen Märchenwelt befinden, lebt der freie Hochschulzugang schon heute nicht mehr.
Der Weg dahin war leider kein langer, und passt gut ins Schema der derzeitigen, hauptsächlich auf den wirtschaftlichen Bedarf ausgerichteten Bildungspolitik.
Stupides auswendig lernen statt interessensbezogene Aneignung von Wissen. Wiedergabe statt eigenständigem Denken.
Die Studierenden sollen möglichst schnell für den Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Doch ist es wirklich die Aufgabe der Universitäten, der Wirtschaft als Ausbildungsmaschine zu dienen?
Begibt man sich damit nicht in ein Abhängigkeitsverhältnis?
Auch findet der Diskurs und die Kritik an Gehörtem immer seltener den Weg in die Hörsääle. Denn auch die Studierenden sehen sich gezwungen so schnell als möglich ihr Studium zu beenden und keine Studiengebühren mehr zahlen zu müssen. Damit einhergehend sinkt die Beschäftigung mit Themen, die über den Vorlesungsstoff hinausgehen. Die Interdisziplinaritt wird immer mehr beschränkt. Es wird zunehmend schwerer Lehrveranstaltungen aus anderen Studienrichtungen zu besuchen. Gibt es bei diesen bisher kein Auswahlverfahren, muss man zumindest damit rechnen nur bestimmte Wahlfachmodule absolvieren zu dürfen, oder auch überhaupt keinen Platz zu bekommen, da diese für die eigenen Studierenden freigehalten werden.
Darunter leidet einerseits das Studienfach, andererseits die Studierenden selbst. Die scheinbar einzige Lösung, mehrere Studienrichtungen zu inskribieren, um Lehrveranstaltungen besuchen zu können, führt wiederum zu höheren Studierendenzahlen, und diese zu weiteren Beschränkungen und Auswahlverfahren. Ein undurchbrechbarer Teufelskreis?
Wer entscheidet ob jemand für dieses oder jenes Studium geeignet ist?
Studieren ist kein statischer Prozess, der Mensch entwickelt im Laufe seiner studentischen Karriere erst passende Lernmethoden und zeigt mehr oder weniger Interesse für Teilgebiete des gewählten Fachs.
Es ist absurd, nach einer Prüfung, bzw. einem Semester die Qualifikation einer Person zu bestimmen. Möglicherweise kann man erst nach einer Orientierungsphase an der Universität die eigenen Interessen einschätzen, weiß, was die Universität zu bieten hat, und in welchem Fach man seine Zukunft sieht.
Ist die Beschränkung des Zugangs wirklich eine angemessene Reaktion auf wachsende Studierendenzahlen, oder sollten diese nicht eher Anlass sein, die Universitäten mit besseren Mitteln auszustatten, um den Studierwilligen eine Möglichkeit zu geben, gemäß ihrer Interessen zu studieren?
Die österreichischen Ausgaben für Bildung stagnieren, während sie in anderen Ländern erhöht werden. Verglichen mit anderen staatlichen Ausgaben ist das Durchschnittsniveau der OECD-Länder mit 5,8 Prozent (2007) des BIP niedrig. Österreich liegt mit 5,4 Prozent noch darunter.
Auch Auswahlverfahren müssen auch nicht unbedingt zu finanziellen Einsparungen führen. Massenprüfungen sind kostspielig. Bei der Studienrichtung Psychologie etwa müssen für das Auswahlverfahren extra Räumlichkeiten im Austria Center angemietet werden.
Wie sich bei den bestehenden Zugangsbeschränkungen schon gezeigt hat, lassen sich junge Menschen nicht einfach von dem Wunsch zu studieren abbringen, sondern weichen auf themenverwandte Studiengänge aus. Mittelfristig kann man deshalb mit einer Ausweitung der Zugangsbeschränkungen auf sämtliche Fächer rechnen.
Diese Umstrukturierung wird auf dem Rücken der Studierenden ausgetragen, die sich einer lebensentscheidenden Prüfung unterziehen müssen. Die Möglichkeit, sich an die veränderten Lernbedingungen an einer Universität zu gewöhnen, wird den gerade von der Schule kommenden Erstsemestrigen genommen. Wer die nötigen Fähigkeiten nicht mitbringt, ist klar benachteiligt.
Allgemein wird der soziale Druck auf die Studierenden besorgniserregend größer. Studiengebühren müssen gezahlt werden, es ist finanziell beinahe nicht machbar aufgrund des Auswahlverfahrens ein Semester oder im schlimmsten Fall ein Jahr zu warten um im gewünschten Studium Platz zu finden, oder eben nicht.
Konkurrenzdruck statt Networking?
Doch nicht nur das. Auch das Klima zwischen den StudentInnen wird ganz entscheidend beeinflusst. Solidarität wird zum persönlichen Nachteil. Wer ist schon gewillt dem Konkurrenten / der Konkurrentin zu helfen? Die Beteiligung an sozialen Netzen wird zunehmend vom persönlichen Vorteil abhängig, gemeinschaftliches Lernen findet keinen Platz mehr, ist schlichtweg ineffizient. Die Logik, sich am Arbeitsmarkt gegen Andere zu müssen, wird an der Universität bereits vorab trainiert. Das dieses Denken schon Eingang in die Köpfe der Studierenden gefunden hat, zeigt sich an der häufig zu vernehmenden Aussage “Ist mir egal, ich habe ja schon einen Studienplatz.”.
Auswahlverfahren nicht nur nach der Matura
Doch auch der ist nicht so sicher, wie er scheint. Der Wechsel vom Bakkalaureats- zum Master- oder vom Diplom- bzw. Master- zum Doktoratsstudium ist keineswegs garantiert, und könnte jederzeit durch Auswahlverfahren erschwert werden.
Simcity-Uni?
Leider zielt die derzeitige Bildungspolitik vor allem auf die Planbarkeit des Outputs ab. Doch für wen wird geplant, und ist eine sinnvolle Planung überhaupt möglich?
Ist es nicht das eigentliche Potential der Universitäten, anstatt standardisierte Berufsausbildungen zu verkaufen, den Raum für die Bildung einer eigenständigen und kritischen Denkweise zu bieten und das Erlernen von selbstbestimmtem Handeln zu ermöglichen?
Um mit der Diskussion über die universitäre Lehre vom Fleck zu kommen, sollte man das Scheuklappendenken ablegen, und einen Blick in die Zukunft wagen. Wie stellt man sich die Universität vor? Was soll sie für die Menschen und die Gesellschaft darstellen?
Ein Blick über die Mauern würde sich lohnen.